Im Sandfilter wühlen, beim WDR auf Sendung gehen

Teil 2 der Eifel-Bunker-Tour: Der Ausweichsitz in Urft

Wühlen im Sandfilter. Hier sollte die Außenluft nach einem Atomschlag für den Betrieb im Bunker abgekühlt werden. Heute ertasten Besucher diese Idee.Urft ist ein kleiner Ort in der Eifel, der nach einer Stunde Busfahrt vom Regierungsbunker in Ahrweiler erreicht wird. Ein Ort, wie es ihn tausendfach in Deutschland zu geben scheint. Nichts weist in dieser Normalität darauf hin, das abseits und angrenzend an einen Wald der Ausweichsitz der Landesregierung Nordrhein-Westfalen liegt. Das Bundesland, in dem auch die „provisorische Bundeshauptstadt Bonn“ lag und das immer als ein Hauptangriffsziel bewertet wurde – im Atomkrieg genauso wie bei der Spionage des Ostens im Kalten Krieg. Insofern verwundert es nicht, dass die Anlage der DDR bestens bekannt war. Leider teilte die ihr Wissen nicht mit den Urftern. Viele lebten bis vor Kurzem in der festen Annahme, dort im Berg liegt ein schmuckes Wasserwerk.

Der Bus der „Eifel-Bunker-Tor“ biegt weit hinter dem Ortsausgangsschild links ab und verschwindet in einem unscheinbaren Wirtschaftsweg. Unter einem Schlagbaum hindurch, geht es am Berg entlang – links im Tal der Gillesbach, rechts der ansteigende Berg. Dann fährt der Bus durch das grüne Tor und hält vor einer Doppelgarage. Angekommen.

Die Besucher wechseln ihre Rolle und sind nun auserkorene Mitarbeiter der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, die hier eine wichtige Aufgabe übernehmen. Versprochen: Alles ist lösbar, aber zum ersten Mal in ihrem Leben arbeiten sich die Bunker-Tourianer durch einen Atomkrieg.

Vor dem Abgang (in den Bunker) steht der Aufstieg: Um in den Landesbunker zu kommen, geht es über ein Treppenhaus bergauf.In kleinen Gruppen geht es durch den Bunker. Zuerst über eine Seitentür in die Doppelgarage, dann eine Treppe hinauf, um in den Bunker hinab zu kommen. Und auch hier gilt: Die Wege sind nicht die gleichen, die einst der Ministerpräsident und seine Endzeitmannschaft genommen hätten. Die Besucher dürfen ihre Hände durch einen 40 Jahre alten Sandfilter gleiten lassen, schalten das Mikrofon in der Kommandozentrale ein und geben Befehle, die über Lautsprecher in jeden Raum des Bunkers übertragen werden. Und von diesen Räumen gibt es viele. Denn das rund 1.000 Quadratmeter große Areal erstreckt sich über vier Etagen.

War der Regierungsbunker der Bundesregierung in seinen besten Zeiten 83 Mal größer, hat der Ausweichsitz der Landesregierung Nordrhein-Westfalen heute etwas zu bieten, was der Bund seinem Bunker genommen hat: Alles ist an seinem Platz und funktioniert.

Ein unvergessliches Erlebnis für die Besucher: Sie wählen auf Drehscheiben eine Telefonnummer im Bunker an, stehen neben der Vermittelungstechnik und können sehen und hören, wie die Verbindung aufgebaut wird. Im WDR-Studio stehen sie neben den anlaufenden Magnetbändern, die ihr Radioprogramm runterspulen. An riesigen Leuchttischen tragen sie Atombombendetonationen ein, erfahren im Nachbarraum, wie damit nun verfahren wird.

Bundesweit ein einmaliges Zeitzeugnis: In der Dokumentationsstätte funktionieren nahezu auch alle technischen Geräte – im Bild der Schiffsdiesel zur Stromerzeugung.Schritt für Schritt geht es durch den 3. Weltkrieg und durch das, was man hoffte, von hier dann noch tun zu können. Eine Reise durch Fiktion und Wirklichkeit, die heute jeder Besucher in ihrem Ergebnis besser beurteilen kann, als die Landesregierung vor 40 Jahren. Es hätte nichts mehr gegeben, was man hätte von hier regieren können.

Und trotzdem sitzt der „Bunker-Treffer“: So hatte man sich das Ende in Europa einst vorgestellt. Dem wäre ein weltweiter Atomkrieg gefolgt. Ob man da noch 30 Tage überleben kann und möchte, sei dahin gestellt.

Im Bus auf dem Rückweg nach Ahrweiler sind das Themen, die genannt werden. Ein zentraler Ansprechpartner der Dokumentationsstätten Regierungsbunker und Ausweichsitz ist auch jetzt bei der Gruppe und beantwortet alle Fragen. Eine ganze Stunde Fahrtzeit stehen dafür zur Verfügung – in der Vergangenheit haben sie oft nicht ausgereicht, um sich mit allen Besuchern auszutauschen.

Auch das steht für die „Eifel-Bunker-Tour“: Es ist eine Erfahrung des Grenzbereichs. Und da gibt es einige neue Erkenntnisse, über die man sich austauschen möchte. Mit den Trägern der Tour, aber auch untereinander.

Schritt für Schritt den 3. Weltkrieg durchgehen: Besucher am Kartentisch für die ABC-Lage.Um 17.15 Uhr ist dann Schluss. Vier Bunkerstunden haben ihre Spuren hinterlassen – psychisch und auch physisch. Die Bunkerluft macht müde und an diesem Abend kann auf die Gutenachtgeschichte verzichtet werden. Geschichte pur – das ist die Eifel-Bunker-Tour ohnehin.

Zur Artikel-Übersicht


06.09.2009 Urft, Eifel-Bunker-Tour