Angekommen

Neue Dokumentationsstätte feierlich eröffnet

Angekommen im Museumszeitalter. Claus Röhling (v.l.), Landrat Günter Rosenke, Innenminister Ingo Wolf und Bürgermeister Herbert Radermacher beim Durchschneiden des roten Bandes.Die Eröffnungsfeier präsentierte sich als gelungene Mischung aus geschichtsträchtiger Aufarbeitung und interessanter Perspektive für und um ein Bauwerk des Kalten Krieges, das im Hier und Jetzt als „Dokumentationsstätte Ausweichsitz Nordrhein-Westfalen“ angekommen ist. Der Hauptprotagonist „Regierungsbunker NRW“ hielt sich – wie auch in den vergangenen vier Jahrzehnten – bedeckt und im Hintergrund. Eingebettet in das Tal des Eifelortes Urft und gut versteckt, wurde an seinem Zugang vor dem Tor einer Doppelgarage das rote Band zerschnitten und damit das neue Museum eröffnet.

Ein Wandel, der eine ganze Epoche erlebbar macht. Der Kalte Krieg wurde in Urft eingekellert und konserviert. Der Bunker ist so ein wertvolles Zeitzeugnis und sein Wechsel ins museale Zeitalter gleich doppelt ein Glücksfall, denn „er wurde für seine ursprüngliche Aufgabe nie gebraucht und so belassen, wie er eingerichtet und betriebsbereit gehalten wurde“, fasste der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf – sein Ministerium war früher Hausherr - in der Festrede auf dem Bunkervorplatz zusammen. 

Lob vom Innenminister (Mitte) für das Engagement um den ehemaligen Ausweichsitz seines Landes. Seit 1997 ist die Familie um Claus Röhling (rechts) Eigentümer des Bunkers.Eine authentische Aufarbeitung der Notstandsplanung zwischen der Bunkerbauzeit 1963 und dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989 sei hier nicht nur möglich, sondern werde erfolgreich durch private Initiative und das richtige Verständnis im Umgang mit Geschichte umgesetzt. Für das Land Nordrhein-Westfalen markiert diese Dokumentationsstätte Neuland, denn nirgends anders ist etwas Vergleichbares momentan für die Öffentlichkeit zugänglich – und das in einem Teil der Bundesrepublik, der reichlich mit Bunkerbauten gesegnet ist und im Kriegsfall aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Rolle ein strategisches Hauptangriffsziel des Warschauer Paktes gewesen wäre.

Einzig der Regierungsbunker im Ahrtal, 40 Kilometer Luftlinie entfernt, ist heute als ausrangierter Ausweichsitz auf dem Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik als Permanentmuseum offen. Das zögerliche Betreten dieses Korridors deutscher Nachkriegsgeschichte erklärt sich aus der jüngeren, durchaus noch greifbaren Geschichte. Bis 1993 – und damit im wiedervereinigten Deutschland - betrieben die Länder ihre verbunkerten Ausweichsitze, der Bund gar bis Ende 1997. Ausschließlich Nordrhein-Westfalen verkaufte anschließend seinen Bunker. Damit liegt die Quote für die mögliche museale Nachnutzung bei 100 Prozent. Alle anderen Bundesländer haben ihre Bunkerleichen mehr oder weniger im Keller liegen, wenn sie denn überhaupt die Weisung der Bonner Republik zur Kriegsvorsorge umsetzten und ihre geheimen Bunkeranlagen bis zur Wende einsatzklar hielten. So haben beispielsweise Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg ihre Kriegsquartiere geräumt, aber weder verkauft noch geöffnet. Allein Schleswig-Holstein könnte dem Urfter Model folgen und öffnet den Ausweichsitz - in Landesbesitz - hin und wieder über einen Privatbetreiber. Im Saarland wird am Standort Wadern am 2. September erstmals eine Veranstaltung zur Ausweichsitzplanung des kleinsten Bundeslandes informieren.

Volles Haus zur feierlichen Eröffnung: Über 100 Gäste kamen zum Start der Dokumentationsstätte und besichtigten im Anschluss das Museum.So arbeitet sich die Familie um Claus Röhling, seit 1997 Eigentümer des Ausweichsitzes Nordrhein-Westfalen, gleich mehrfach durch Neuland – mit glücklicher Hand und einem guten Gespür für Geschichte und das fachliche Wissen darum. Das Engagement ist dabei so herausragend, wie die Monopolstellung: Mit viel Aufwand wurden nicht nur die 1.000 Bunkerquadratmeter wieder auf Vordermann gebracht, sondern landauf, landab nach verschollenem Bunkerinventar gesucht und die Anlage komplettiert. Die Technik im Bunker funktioniert fast ausnahmslos so wie vor 20, 30 Jahren. Nicht nur die schweren Eingangstore öffnen und schließen auf Knopfdruck. Am Tag der feierlichen Eröffnung klang auch der Takt des Diesels für die Notstromerzeugung tief aus dem Berg und begeisterte die Besucher. Von denen nutzten u.a. Innenminister Ingo Wolf, Günter Rosenke (Landrat für den Kreis Euskirchen), Brigadegeneral Walter Schmidt-Bleker (Chef des Amtes für Geoinformationswesen der Bundeswehr) oder Herbert Radermacher (Bürgermeister der Gemeinde Kall) die Eröffnungsfeier für einen Rundgang durch den ehemaligen Ausweichsitz und nun feierlich eröffnete Dokumentationsstätte.

Öffentliches Thema: Medientreff im ehemals geheimen Bunkerzugang, einer Doppelgarage.Die bietet ab sofort auch im Rahmen regelmäßiger Öffnungszeiten (jeden Samstag um 16 Uhr und nach Anmeldung) der Öffentlichkeit die exklusive Möglichkeit, im Berg zu verschwinden und in den Kalten Krieg einzutauchen. Eine vorherige Anmeldung ist aber in jedem Fall erforderlich unter 02441/775171 oder unter ausweichsitz-nrw@t-online.de.

Ab August wird zusätzlich die „Eifel-Bunker-Tour“ an jedem letzten Sonntag im Monat fortgesetzt. Start ist am 30.8.. Dann gibt es zwei Atombunker im Besuchsprogramm eines Tages: Am Vormittag geht es durch den Regierungsbunker des Bundes in Ahrweiler, am Nachmittag durch den der nordrhein-westfälischen Landesspitze in Urft. Eine siebenstündige Zeitreise, bei der beide Dokumentationsstätten zusammen arbeiten.

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16.08.2009