Bunker-TV

Dokumentationsstätte und WDR bauen Original-Fernsehtechnik im Regierungsbunker auf

Das WDR-Fernsehstudio im Bunker 1964-1998.Ein Fernsehstudio für den Weltuntergang – so einfach lassen sich inhaltlich die 50 Quadratmeter im ehemaligen Regierungsbunker zusammenfassen, in denen der Westdeutsche Rundfunk 1964 im Auftrag des Bundesinnenministeriums ein Fernsehstudio aufbaute. Von hier, 100 Meter unter der Erde, wollte die Regierung im Kriegsfall zur Bevölkerung sprechen, Präsenz zeigen und deutlich machen, dass man Herr der Lage ist - ohne das ein Zuschauer wissen durfte, wo sich der sprechende Bundespräsident oder  Kanzler „live“ befand. Das wohl kurioseste Stück deutscher Geheimhaltung.

Die Fernsehtechnik der ersten Stunde überlebte den Kalten Krieg im Bunker: Konserviert in Deutschlands Staatsgeheimnis Nummer 1 und dort abgeschottet von der Außenwelt, war die Einrichtung des WDR-Studios genau so geheim wie die vorbereiteten Schritte, die von hier ausgelöst werden sollten. Den beiden Kameras vom Typ „Fese Kod 1956“ blieb das Festhalten des finalen Akts genauso erspart, wie ihre Auswechslung. Als technische Urgesteine deutscher Fernsehgeschichte, blieben sie im Regierungsbunker, bis dieser 1998 aufgelöst wurde.

Rückkehr der WDR-Bunkertechnik: Nicht nur „Aktive“ des Westdeutschen Rundfunks, so Petra Witting-Nöthen als Leiterin des Historischen Archivs (3.v.l.) kamen dafür in die Dokumentationsstätte. Auch pensionierte WDR-Techniker ließen sich diese Gelegenheit nicht nehmen und gingen mit ihrem „Schätzchen“ auf Zeitreise.Nun kehrt die Technik zurück. In Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk kann die Dokumentationsstätte Regierungsbunker ihren Besuchern ein weiteres Highlight bieten und erzählt über die ausgestellte Schwarz-Weiß-Kamera auch von dieser Bunker-Episode: Welche Rolle spielte das Fernsehen in den Notstandsplanungen der Bundesregierung? Wie sollte im atomaren Inferno eine Standleitung aufgebaut werden, die so lange wie möglich funktionierte? Und wie wurde eine Sendeanstalt wie der Westdeutsche Rundfunk durch die Regierung in seine geheimen Pläne eingeweiht?

Bereits 1961 – und damit vor dem Bau des Regierungsbunkers - geht dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung ein geheimes Schreiben des Bonner Innenministeriums zu, in dem ein „Kennziffernplan für Alarmierungsmaßnahmen der Rundfunkanstalten im Notstandsfall“ festlegt, wer bei einer Bedrohung benachrichtigt wird. Eingebunden sind der WDR, der Bayerische Rundfunk und der Hessische Rundfunk. Jede Sendeanstalt sucht in ihren Reihen drei Personen, die im Falle des aufziehenden 3. Weltkrieges für eine sichere Übertragung von Rundfunksendungen an die Bevölkerung verantwortlich sind. Der Bayerische Rundfunk schickt seine Spitze ins Rennen: Intendant Christian Wallenreiter persönlich taucht mit Adresse und Telefonnummer im geheimen Alarmplan auf.

Umschalten auf den Krisenfall

Regie des WDR-Studios: 50 Quadratmeter heile Fernsehwelt für den atomaren Untergang.Doch neben der Frage, wer informiert wird, legt das Innenministerium auch fest, ab wann die Krise durch die Vertreter der Medien wahrgenommen werden darf. Möglichst lange soll das hinausgezögert werden. In präzisen Nummernspiel des Kennziffernplans als Drehbuch des Weltunterganges legt Punkt 9.004 fest: „Studio-Keller oder –Bunker besetzen“. Dann soll die Bevölkerung über den bevorstehenden Frequenzwechsel der Rundfunk- und Fernsehsignale informiert werden. Alles unter 94 Megahertz wird „gemäß Funkregelung im Verteidigungsfall“ abgeschaltet und stillgelegt – zugunsten des militärischen Funkbetriebs, der diese Frequenzen übernehmen soll.

Es sind die finalen Anweisungen des Innenministeriums auf dem Weg in die Katastrophe. Wie ernst die Lage ist, verrät ab nun auch ein Druck auf die Radio- oder Fernsehschalter: Entweder rauschen die Empfangsgeräte oder sie verkünden wenig gute Nachrichten.

Mit dem Bau des Regierungsbunkers rückt ab November 1962 die Einrichtung eines unterirdischen Fernsehstudios auf die Planung der Bunkerbauer. Eine Maßnahme, die zunächst „nur als sinnvoll erscheint, wenn gewährleistet ist, das (außerhalb) ein Programm auch während eines Verteidigungsfalles gesendet werden kann.“ Das setzt umfangreiche, kriegstaugliche Übertragungstechnik und verbunkerte TV-Sendestellen der ARD voraus.

Deutlich wird der Einrichtung eines - technisch unkomplizierteren - Rundfunkstudios der Vorzug gegeben. Das macht auch im Ernstfall Sinn, denn wer setzt sich, während draußen Sirenen heulen und Luftangriffe erwartet werden, vor den Fernseher und wartet die Rede der Regierung zur Lage der Nation ab? Außerdem ist das TV-Bunkerstudio platzraubend. Und der Kampf um jeden Quadratmeter Bunkerfläche für die Unterbringung der Regierung läuft längst auf vollen Touren.

Ein technisches Problem sorgt schließlich dafür, das der Bunker doch noch sein eigenes Fernsehstudio bekommt. Denn das Presse- und Informationsamt besteht darauf. Und das Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen macht klar, das die „nachträgliche Einführung der für Fernsehübertragungszwecke erforderlichen besonderen Kabelanlagen nicht mehr möglich ist.“ Also muss von Anfang an mit diesem wohl bundesweit ungewöhnlichsten TV-Studio am nicht weniger ungewöhnlichen Ort geplant werden.

Vom WDR-Verbindungsmann und seinem geheimen Studio

Mit der Einrichtung ist ab 1966 Jürgen Herrmann Herr über den geheimen WDR-Ableger. Der Techniker ist zuständig für die beiden Kameras „Fese Kod 1956“ – damals gängiger Standard – und dem angeschlossenen Regieraum. Ein Mal im Jahr kommt er in den Bunker und sieht in „seinem“ Bereich nach dem rechten. „Ich habe die Röhrentechnik gestartet, nachgeschaut, ob alles an seinem Platz ist und funktioniert. Das wurde protokolliert, dann ging es nach ein paar Stunden zurück nach Köln zum WDR.“ Abgesehen von diesen Visiten herrscht absolute Ruhe an den Regiepulten und der Aufnahmetechnik untertage.

Zurück gekehrt: Original Fernsehtechnik aus den 60er Jahren, wie sie bis 1998 im TV-Studio des Bunkers stand und jetzt durch den WDR an die Dokumentationsstätte übergeben wurde.Das bleibt so bis 1998. Einzig die Einträge der WDR-Techniker weisen aus, dass in den vergangenen 30 Jahren Menschen im Bunkerstudio waren. Ansonsten steht alles noch immer dort, wo es 1964 hingestellt wurde. Die Einführung neuer technischer Übertragungsstandards wie PAL, das Farbfernsehen insgesamt – all das ist spurlos am geheimen WDR-Bunkerstudio vorbeigerauscht. „Allein die Vorstellung: Da spricht der Bundespräsident Ende der 80 Jahre in einem Schwarz-Weißbild mit der Qualität der 60er Jahre zur Bevölkerung und will beruhigen, weil eine Krisensituation erkennbar ist. Unvorstellbar!“, denkt Jürgen Herrmann an das zurück, was der Bunker in seinem Studio hinterlassen hat. Der TV-Oldtimer, mit der Aufgabe des Ausweichsitzes 1998 längst ein Fall fürs Museum, hätte zudem technische Formate produziert, die kaum noch zu übertragen sind. Damit wird nicht nur das Studio in Frage gestellt, sondern auch seine Aufgabe – und das bereits seit Jahrzehnten.

In der Dokumentationsstätte Regierungsbunker kann die WDR-Technik heute leisten, als einen Regierungsvertreter und seine finale Botschaft in einem flimmernden Schwarz-Weißbild aufzunehmen. Hier steht die Kamera und das Studio nun auch für Teile der Notstandsplanung, die heute den Menschen kaum oder nur schwer vermittelbar ist. Das ein Fernsehstudio zum Drama des Untergangs im Regierungsbunker genauso dazuzählte wie ein Friseursalon oder eine Zahnarztbehandlung – nun können es die Besucher nicht nur hören, sondern auch selber sehen. Der Westdeutsche Rundfunk und seine Mitarbeiter haben dabei einen maßgeblichen Beitrag geleistet – mit der Kamera aus ihrem Archiv und vielen wertvollen Informationen von Zeitzeugen.

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23.06.2009 Fernsehen, Bunker