Superlativ: Groß, teuer und geheim

Zur Geschichte des Ausweichsitzes der Verfassungsorgane des Bundes

Groß und teuer: Der Regierungsbunker, hier der Bau des westlichsten Einganges in Dernau.

Es war über 17 Kilometer lang und das teuerste Bauwerk in der Geschichte der Bundesrepublik, was 20.000 Arbeiter zwischen 1960 und 1971 im Ahrtal als „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland im Kriegs- und Krisenfall“ der Geschichte hinterließen. Ein Superlativ, auch was die Aufgabe dieses Ausnahmebauwerkes betraf: Der Bunker sollte als geschützte Befehlsstelle das Überleben der Bundesregierung und ihrer Stäbe im Atomkrieg sicherstellen. Die ungewöhnliche Baumaßnahme war eingebettet in die bundesdeutsche Notstandsplanung, die im Bundesinnenministerium über Jahre bearbeitet wurde. Damit kommt dem Bunker in Bau und Betrieb ein starker innenpolitischer Ansatz zu. Tatsächlich rücken weite Teile der Bundesregierung zur NATO-Übung 1966 in einem gerade fertig gestellten Teile des Regierungsbunkers ein – der politische Ritterschlag der unterirdischen Anlage. Damit ist der Bunker angekommen auf der Bühne der realen Bonner Politik und verabschiedet sich von dieser erst Ende 1997 – acht Jahre nach Ende des Kalten Krieges! Zwischen 2001 und 2006 wird er größtenteils abgerissen, im März 2008 in einem Teilbereich als Dokumentationsstätte eröffnet.

Blick ins Geschichtsbuch

Die Geburtstunde des späteren Regierungsbunkers schlägt mit dem Bau einer strategischen Eisenbahnstrecke durch die Eifel ab 1913. Die beiden wichtigen Industriegebiete an der Ruhr und um das französische Lothringen sollen so enger zusammen rücken. Für die neue Eisenbahnstrecke müssen zahlreiche Brücken und Tunnel (zwischen Rech und Ahrweiler) gebaut werden – zwei davon werden später als Regierungsbunker genutzt.

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges rückte das ehrgeizige Projekt in den Hintergrund und wurde bis Kriegsende nicht fertig gestellt. Auch wenn nach dem Krieg sporadisch an der Strecke gearbeitet wurde – ein Zug ist auf den bereits verlegten Gleisen nie unter den Ahrbergen hindurchgefahren.

Lehrgang des THW zum Umgang mit der Sauerstofflanze auf dem Übungsplatz Marienthal: Die nach dem 2. Weltkrieg gesprengten Tunnelportale werden zerlegt.

Im zweiten Weltkrieg rückte das Tunnelsystem zwischen Dernau, Marienthal und Ahrweiler aus ganz anderen Gründen in den Focus: Die Raketenversuchsanstalt Peenemünde richtete gegen Kriegsende eine Zweigstelle im Tunnel ein. Hier war man sicher vor Luftangriffen. Ab 1944 begann man mit der unterirdischen Produktion mobiler Abschussrampen für die V-Waffen, die u.a. KZ-Häftlinge durchführen mussten. Für deren Internierung wurde ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald errichtet - zuerst in Marienthal, dann in Dernau.

In den letzten Kriegswochen nutzten auch Bewohner der umliegenden Dörfer Tunnelabschnitte als Zufluchtsort vor Fliegerangriffen der Alliierten.

Nach 1945 werden die Tunnel - wie alle kriegsrelevanten deutschen Bauwerke des 2. Weltkrieges - für eine weitere Verwendung durch Sprengungen unbrauchbar gemacht. Doch bereits 1951 plant das Bundesinnenministerium Großes für den kleinen Ort Marienthal an der Ahr. "Zivile Ordnungsdienste" sollen hierher verlegt werden. Namentlich sind es der Bundesgrenzschutz (BGS) und das Technische Hilfswerk (THW).

1953 wird in Marienthal die Bundesschule des THW eröffnet. Im rückwärtigen Tal entsteht der Übungsplatz für die THW´ler. Sogar die gesprengten Tunnelzugänge erfüllen wieder eine Aufgabe: Sie sind für ganz unterschiedliche Zwecke Übungsplatz - und werden nebenbei geräumt.

Der "Kalte Krieg" rückt ins malerische Ahrtal vor

Der nächste Krieg, der sich in den Tunneln der einstigen Bahnlinie abspielt, ist "kalt". Bereits Mitte der 50er Jahre sucht die Bonner Regierung im Sinne einer Aufrechterhaltung ihrer Einsatzbereitschaft im Kriegsfall nach geeigneten Schutzmöglichkeiten. Die Suche dauert Jahre. Zahlreiche Planungen werden verworfen, bevor man sich für den Ausbau zweier Tunnels entscheid (Kuxberg und Trotzenberg).

Unter strengster Geheimhaltung organisiert das Bundesinnenministerium in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium, dem der Verteidigung und der Bundesbaudirektion den Bau.

Fehlstart. Der Bunkerbau sollte eigentlich 1960 beginnen. Doch die Bauleitung (weiße Baracke im Hintergrund) ist bis zum Herbst 1961 verwaist.1960 sollen die Bauarbeiten des "Ausweichsitzes der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland" beginnen - so die vollständige offizielle Bezeichnung am Ende der Dienstzeit. Gestartet wird das Projekt allerdings unter dem Tarnnamen "Ausbau Anlagen des THW".

Doch der Startschuss verhallt in abwartender Ruhe. Aus verschiedenen Gründen verschiebt Bonn den Bunkerbau. Ein Punkt: Bietet das Gebirge mit seiner Überdeckung von maximal 100 Metern im Falle eines modernen Atomkrieges ausreichend Schutz? Fast zwei Jahre dauern diese Überlegungen, für die als Gutachter sogar Fachleute aus Schweden und Norwegen angesprochen werden. Das Problem: Die NATO-Auflagen verlangen nach 200 Metern Mindestüberdeckung für solcherlei Regierungsbauten. Doch die gibt es für die ausgesuchten Tunnelbauten nicht. Wie auch die Gesteinsqualität zu wünschen übrig lässt. Nicht massiver Granit stellt das Deckgebirge, sondern brüchiger Schiefer. Allein - es gibt keine Alternative zu dem Tunnelsystem 2. Wahl.

Schließlich geht alles sehr schnell. Nach dem "OK" aus der Bundeshauptstadt im Spätherbst 1961 müssen in nur wenigen Wochen die Baufirmen gesucht, die Pläne erstellt werden. Der Zeitdruck ist groß. Damit die Bundesregierung schneller zu ihrem Bunker – oder wenigstens einem Teil desse – kommt, fällt der Bundesverteidigungsrat mit Kanzler Konrad Adenauer an der Spitze eine wichtige Entscheidung: Zunächst wird nur der Oststollen unter dem Kuxberg ausgebaut, der in die beiden Abschnitte Ost/West und Ost/Ost unterteilt ist. Der 1,8 Kilometer lange Eisenbahntunnel bleibt als Hauptachse erhalten und wird um 6 Kilometer Seitenstollen erweitert. In einem liegt unter anderem der 125 qm große Kabinettsaal.

Zu groß, um am Stück erstellt zu werden. 1965 wird der erste Teil des Regierungsbunkers unter dem Kuxberg fertiggestellt, darunter zwei Großküchen für 1.200 Menschen.

Die Bauzeit endet nach dem Start im Januar 1962 nach drei Jahren 1965. Übergabe des ersten Teils ist im Herbst 1965.

Der Bau des Abschnittes West unter dem Trotzenberg beginnt 1964 und endet 1970. Der rund 1,5 Kilometer lange Hauptstollen wurde ebenfalls um zahlreiche Seitenstollen und Fluchttunnel sowie Versorgungsschächte erweitert. Dieser Bunkerteil ist in die Teile West/West, West/Mitte und West/Ost unterteilt.

Die Gesamtlänge aller Bunkerbereiche erstreckt sich schließlich auf 17.336 Meter Länge. Exakt wurden 936 Schlafräume und 897 Büros errichtet.

Viele der Arbeiter aus der Bauphase arbeiten auch später im Bunker, wie Karl-Heinz Knebel oder Paul Groß, der als technischer Leiter bis zur endgültigen Schließung 2006 in der Anlage beschäftigt ist. Er ist einer der wenigen Menschen, die die Anlage in den drei Abschnitten Bau, Betrieb und Rückbau miterleben konnten. Paul Groß kommt das eigenwillige Privileg zu, als letzter Mitarbeiter den Rückbau des Bunkers vollständig zu begleiten. Im Frühjahr 2006 geht er nach 36 Bunker-Jahren als letzter "Marienthaler" in Pension.

35 Jahre nach dem milliardenschweren Neubau wird im Regierungsbunker wieder zusammengepackt. Einige wenige Objekte – so einige Stühle aus den Speisesälen – ziehen um ins künftige Museum.

Was die gründlichen Rückbauarbeiten zwischen 2001 und 2006 überlebt, ist nach einer wechselvollen Geschichte heute in und mit der Dokumentationsstätte Regierungsbunker zu sehen. 200 Meter und einige wenige Einrichtungsgegenstände bleiben von den Baumaschinen verschont und im Originalzustand erhalten. Hier soll ein Museum den Kalten Krieg auch für nachfolgende Generationen erlebbar machen.

Doch das Museumskonzept wackelt, schließlich kippt es, denn die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler sagt als künftiger Betreiber ab. Auf der Suche nach einem neuen Träger spricht der Bund den Heimatverein "Alt-Ahrweiler" an - der sagt zu. Einer der markantesten Orte bundesdeutscher Geschichte wird so einem örtlichen Heimatverein mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern übertragen ...

Die Museums-Verträge wurden am 20. Oktober 2005 unterschrieben. Am 22. November 2006 fand der Spatenstich statt. Ein Ereignis, das den zwischenzeitlich vergessenen Bunker wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte. Zum Jahreswechsel 2007 reichen sich Fernsehteams aus aller Welt die Bunkerklinke in die Hand. Bundesweit fand die Idee für das Museum in den Medien Niederschlag, und sogar die New York Times widmete eine Story dem Bauwerk unter den Weinbergen. Den Aufbau der Dokumentationsstätte finanziert der Bund mit 2,5 Mio. Euro.

Was zu dieser Zeit niemand ahnt, kaum jemand hofft: Die neue Dokumentationsstätte wird aus dem Stand heraus zu einem Besuchermagnet mit internationaler Tragweite. Gäste aus aller Welt drücken sich die „Klinke“ am 25 Tonnen schweren Atomtor in die Hand. Für die 50 Gästeführer der Dokumentationsstätte eine Herausforderung, aber auch Bestätigung für ihre lange Vorbereitungszeit auf die neue Aufgabe des Bunkers: Über ein Jahr wurde die Geschichte des „einst geheimsten Ortes der Bundesrepublik“ (Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung in seiner Ansprache zur feierlichen Eröffnung am 29. Februar 2008) „gepaukt“.

Beeindruckende Erfolgsstory Regierungsbunker: Nach 16 Monaten begrüßt die Dokumentationsstätte den 100.000sten Besucher.

Seit Eröffnung der Dokumentationsstätte für das Publikum am 1. März 2008 begleiten die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Dokumentationsstätte – heute sind es über 70 unter Museumsleiterin Heike Hollunder – Besucher aus aller Welt auf ihrem Weg in die Zeit des Kalten Krieges und informieren über den Bunker und seine ehemalige Aufgabe.

Die Dokumentationsstätte hat damit eine beeindruckende Erfolgsstory geschrieben. Am Ende des 1. Museumsjahres wurden 75.000 Besucher gezählt, im Juni 2009 kommt der 100.000ste Gast. Einer von ihnen war am 17. November 2008 Bundespräsident Horst Köhler, die sich zusammen mit Ehefrau Eva Luise Köhler und dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsident Kurt Beck vor Ort über die Geschichte des Regierungsbunkers, das Museum wie auch die Arbeit des Trägers informierte.

Das große Interesse der Öffentlichkeit resultiert nicht zuletzt aus einer Tatsache, die sich über Jahrzehnte immer mit der Bunkeranlage verband: Die Geheimhaltung. Und so beeindruckt heute nicht nur die Größe, die Technik oder die Kosten, die aufgebracht wurden, sondern auch die Tatsache, dass sich die Bundesregierung vorbei an der öffentlichen Wahrnehmung sehr intensiv auf einen 3. Weltkrieg vorbereitete. Damit ist der Regierungsbunker als Museum auch zu einem Mahnmal für Frieden geworden.