Im Keller des „Flugzeugträgers Rheinland-Pfalz“

Ausweichsitz Rheinland-Pfalz in Alzey am 1. November 2020 geöffnet

Flur mit gasdichten Türen im Ausweichsitz Rheinland-Pfalz, der über zwei Etagen und 1.140 Quadratmeter reichte.Als „Flugzeugträger Rheinland-Pfalz“ bezeichnete einst Ministerpräsident Bernhard Vogel das Bundesland, das er 12 Jahre von der Kommandobrücke in der Mainzer Staatskanzlei führte. Passend zu dieser Wahrnehmung fällt in seine Amtszeit (1976 bis 1988) auch die Entscheidung für den Ausbau eines Bunkers für die Landesregierung. Aus diesem sogenannten „geschützten Ausweichsitz“ in Alzey sollte das Land im Kriegsfall 30 Tage weiterregiert werden.

Die Raumbelegungspläne für den Bunker hängen noch: Für Ministerpräsident Vogel war Zimmer „004“ im zweiten Untergeschoss reserviert, präzise 2,30 Meter breit und 3,85 Meter lang. Im Geschoss über ihm hätte der Notstromerzeuger gerattert, darüber liegt das Parkett einer Turnhalle. Der gesamte Bunker ist als geheime Unterwelt des Schulsports Teil des Aufbau-Gymnasiums in Alzey. Oben Turnhalle, darunter Atombunker – so wurde es 1979 gebaut und so ist es heute noch, auch wenn die Landesregierung die Anlage 1992 aufgab.

Atombunker „light“

1.140 Quadratmeter suggerierte Sicherheit vor einem Atomwaffenangriff auf zwei Ebenen: Der Weg durch das bizarre Bunkerreich führt vorbei an Dienstzimmern der Ministerien, durch Schlafräume und Lagezentren. Doch wer hier schwere Atomschutztore á la Ahrweiler (Regierungsbunker des Bundes) oder Großküchen für Hunderte von Menschen erwartet, wird enttäuscht. Denn auch wenn der Ausweichsitz entsprechend der General-Planung des Bundes die Mainzer Regierung unter allen Umständen in Krieg oder Krise 30 Tage handlungsfähig halten sollte, wählte Rheinland-Pfalz beim Bau seiner Anlage eher die Variante „Atombunker light“. Schwere Druckverschlüsse fehlen hier ebenso wie ein Tiefbrunnen für die Eigenwasserversorgung. Stattdessen stellte man – entgegen aller Vorschriften für solch einen Kriegssitz - einen großen Wassertank auf.

Innere Werte: Kreuzchen für Diätkost

Innere Werte: Schreibstube für den 3. Weltkrieg. In mancher Schublade liegen noch immer Original-Briefbögen mit dem roten Geheimstempel oder Formulare für den Speiseplan.Der Ausweichsitz glänzt heute eher mit inneren Werten. In mancher Schublade liegt noch der Original-Meldebogen mit dem markanten roten Aufdruck „Geheim“. Sogar eine Bestellkarte für das Mittagessen ist da, in der die Insassen ankreuzen können, ob sie eine Diätnahrung wünschen. Der Panzerschrank für latent im Ausweichsitz eingelagerte Geheim-Dokumente steht unangetastet in seinem Raum, die Versorgungstechnik ist funktionsfähig – Eigenstromversorgung und Belüftung via Sandfilter inklusive.

Ist das Bunker-Ensemble bereits für sich genommen beeindruckend, ist seine Rolle im bundesweiten Räderwerk für den angenommenen Kriegsfall von besonderer Bedeutung. Denn dem „Flugzeugträger Rheinland-Pfalz“ kam im Kalten Krieg eine besondere Rolle zu, der man auch im Ausweichsitz begegnet: Es war die Hauptevakuierungszone der deutschen Restbevölkerung im 3. Weltkrieg.

Entsprechend umfangreich ist das Bundesland unterkellert. Die Anleihe des Bunkerbau-Ministerpräsidenten Vogel an ein Kriegsgerät hätte auch auf „U-Boot“ lauten können, denn mit Alzey wurde die fortlaufende Nummer drei eines Ausweichsitzes eingerichtet, in dem die Landesregierung abtauchen konnte. Nach einem Provisorium in Bad Sobernheim Ende der 50er Jahre baute man das Schloss Burg an der Mosel zum Kriegssitz aus. Ende der 70er Jahre folgte dann der Bunker in Alzey, aus dem man ab 1981 an den zweijährigen NATO-Übungen teilnahm, die einen atomaren Schlagabtausch simulierten.

Vom Bunker zur Besuchermeile

Ganz genau nachgeschaut: Besucher im Bunker der Mainzer Landesregierung – hier in der Notstromversorgung, die über einen Schiffsdieselmotor sichergestellt wurde.Der rheinland-pfälzischen Erde kommt so das zeitgeschichtliche Privileg zu, zwei Ausweichsitze für zwei Regierungen zu beherbergen. Doch so unterschiedlich die Bunker des Bundes in Ahrweiler und des Landes in Alzey baulich umgesetzt wurden – eines eint sie seit 2011: Sie stehen der Öffentlichkeit offen, erzählen und schreiben über 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges gemeinsam Geschichte. Denn mit Unterstützung der Landesregierung und dem Aufbau-Gymnasium konnten im Mai 2011 erstmals Führungen im Bunker durchgeführt werden. Eine Möglichkeit, die es seitdem immer Anfang November gibt, denn dann kann der ehemalige Ausweichsitz besichtigt werden.

Programm 2020

Das nächste Mal stehen die Bunkertüren am 1. November 2020 offen. Im Rahmen von Führungen werden Aufbau und Aufgabe dieses Ortes erklärt. Seinen Ursprung hat das Bauwerk in einer Gesamtplanung von Bund und Ländern in der Frage, wie Informations- und Meldeketten von regional bis national aufgebaut und sicher betrieben werden können. Ab 1959 wurden dazu die Landesinnenministerien durch das Bundesministerium des Innern aufgefordert, entsprechende Krisenstäbe und geschützte Ausweichsitze vorzuhalten. Bis 1992 war der rheinland-pfälzische Ausweichsitz in Alzey in Betrieb. Weite Teile der Anlage sind seitdem abgeschaltet, aber technisch noch funktionsbereit. So sind die Führungen auch eine Zeitreise - durch alte Technik und Denkmodelle des kalten Krieges.

zum Anmeldesytem: www.bunker-alzey.de