Oben täglich Schulbetrieb, unten geheimer Geld-Bunker

Zur Geschichte des Ausweichsitzes der Landeszentralbank Nordrhein-Westfalen

Bau der unteren von zwei Bunkerebenen im „Sonderbauwerk Steinfurt“. Im Bildvordergrund ist die trapezartige Bewehrung der Tresorkammer zu sehen, in die später die Panzertür der Firma Pohlschröder eingesetzt wird.Rheinland-Pfalz hat es getan, Schleswig-Holstein ebenfalls, und auch die Bayern haben ihren Ausweichsitz unter einer Schule errichtet. Dem guten Beispiel der Landesregierungen folgte auch die Landeszentralbank (LZB) Nordrhein-Westfalen. Der LZB-Bunker wurde im Kalten Krieg unter hoher Geheimhaltung geplant und als Teil der Baumaßnahme „Mittelpunktschule“ zwischen 1966 und 1969 mit viel Beton, Stahl, Technik und Millionenaufwand umgesetzt. Der Atomschutzbunker sollte die Spitze der Düsseldorfer Landeszentralbank im „V-Fall“ – dem Verteidigungsfall – aufnehmen und deren „Funktionsfähigkeit“ sicherstellen.

Dabei griffen die Bunker-Banker ganz tief in die Trickkiste und lassen streckenweise James Bond aussehen wie einen blutigen Anfänger beim Thema Tarnen und Tricksen. Denn aus Tarnungsgründen wurde die verbunkerte Unterwelt von Satzvey kurzerhand nach Steinfurt verlegt – so geben es die Verschlusssachen zu diesem Bauwerk her. Wer aber in der Eifel nach Steinfurt will, hat ein Problem: Den Ort gibt es gar nicht.

Zugang zum Bunker, der wie vieles an der Anlage in einem „suboptimalen“ Zustand war. Der Öffnung als Dokumentationsstätte gingen Aufräumaktionen voraus ...Getarnt als Keller der neuen Mittelpunktsschule in Satzvey, wurde der Bunker ab Ende 1966 in drei Jahren Bauzeit federführend durch die Hochtief AG für rund 5 Millionen D-Mark erstellt. Was in dieser Zeit alles in der großen, eingezäunten und bewachten Baugrube verschwand, lässt sich nur erahnen. Wände von einem Meter Stärke, eine tonnenschwere Tresortür, massive Luftschutztüren bis hin zur Notromerzeugung fanden ihren Platz in dem Koloss mit 1.800 qm Fläche. Ein Gänge-Labyrinth unter dem künftigen Schulhof wurde angelegt, geheime Zugänge am Rand des Schulgeländes entstanden. Die Lust auf Geheimhaltung erlebte ihren Höhepunkt mit dem Richtfest am 25. Januar 1968. Das fand seinen wenig festlichen Auftakt früh morgens mit einer unauffälligen Besichtigung der Baustelle, anschließend feierte man im 15 Kilometer entfernten Bad Münstereifel und verwischte so alle Spuren zum Bunker in Satzvey, was ja eigentlich Steinfurt hieß …

... wie auch das Abpumpen einiger Tausend Liter Wasser, bei dem die Freiwillige Feuerwehr Mechernich, Löschzug Satzvey, technische und personelle Hilfe bot.Nach seiner Fertigstellung wurde das „Sonderbauwerk Steinfurt“ auf Herz und Niere geprüft. In sogenannten „Belegungsversuchen“ schlossen sich Angestellte der Landeszentralbank im Bunker ein und spielten eine Woche Ernstfall. Dabei galt es nicht nur, die alltäglichen Herausforderungen dieser Unterwelt mit ihren Eigenarten zu meistern, sondern auch für den Schulbetrieb unsichtbar zu agieren. Denn während unten die Banker den V-Fall probten, wurden oben weiter Grundrechenarten und das Alphabet gelernt. Aus Gründen der Geheimhaltung sollten natürlich weder Schüler noch Lehrer oder Anwohner bemerken, dass es unter der Schule noch viel mehr gab als nur einen Heizungskeller.

Aufarbeitung vom Bratklops bis zu Sonderwerten

Besucher im Bunker Satzvey: Seit Mai 2012 steht die Anlage als Dokumentationsstätte offen.Mit Ende des Kalten Krieges wurde aus dem gut gehüteten Staatsgeheimnis eine Abstellkammer. Im Zuge der historischen Aufarbeitung wurde aber auch die Schlüsselstellung des Komplexes innerhalb der nordrhein-westfälischen Krisenplanung deutlich wie auch die Bedeutung für den Bund im Rahmen der Wirtschaftssicherstellungsgesetze. Denn für das störungsfreie Funktionieren der Zahlungsmittelkreisläufe wurden gleich mehrere Bunker- und Tresoranlagen gebaut – durch die Bundesbank wie auch die Landeszentralbanken. Für die Aufarbeitung des Bunkers Satzvey und seine Stellung in diesem System wurde neben Aktenbeständen und Plänen im Bunker das Historische Archiv der Bundesbank in Frankfurt „angezapft“ wie auch das Bundesarchiv, Koblenz. Nachbarn und Zeitzeugen halfen mit Erinnerungen ebenso wie Krisenplaner des Landes.

Die ehemalige Bunkerküche wird heute als größter Raum auch für Kulturveranstaltungen genutzt, so im Herbst 2012 für die Krimilesungen im Rahmen der Veranstaltung „Nordeifel-Mordeifel“ und bietet dann Platz für 50 Personen.Dabei wurden Details bekannt, denen ein gewisser Unterhaltungswert nicht abzusprechen ist – so die Lebensmittelbevorratung „16,5 kg Bratklops mit Tunke“, inklusive „Manipulationsreserve von 20 Prozent“ für 34 Personen. Wer eingesperrt im Bunker sitzt und sich im Takt von Freizeit, Verwaltungsarbeit, Essen und Schlafen durch den V-Fall bewegt, hat mehr Hunger als üblich. Auch der Mangel an Brett- und Kartenspielen für die Freizeitgestaltung wurde aktenkundig und nachträglich lagerte die Landeszentralbank Gesellschaftsspiele und Unterhaltungsliteratur im Bunker ein – nur wenige Meter entfernt vom Tresorraum für „Sonderwerte“, was von der Ersatzwährung der D-Mark (BBk II) bis zu Gold alles sein konnte.

So hat sich ein Gesamtbild mit historischem Tiefgang ergeben, das aber auch vor humoristischen Einlagen nicht Halt macht. Zusammen mit der Stadtverwaltung Mechernich wurde die Öffnung der Anlage und ihre Einrichtung für Führungen vorbereitet. Schirmherr ist Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick.