Im Zentrum der DDR-Auslandsspionage

"Hauptverwaltung Aufklärung" richtete verbunkerte Kommandozentrale in Gosen ein

Schleuse im Eingangsbereich, durch die Markus Wolf im Ernstfall seinen Bunker betreten hätte.

Nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 wurde auch das Ministerium für Staatsicherheit (MfS.) aufgebaut und nahm im Februar 1950 seinen Dienst auf. 1951 wurde die DDR-Auslandsspionage gegründet und war zunächst nicht Teil des MfS., sondern dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten unterstellt.

Gegründet als „Außenpolitischer Nachrichtendienst“ (APN), zählte der spätere Spionage-Chef und „Mann ohne Gesicht“ Markus Wolf zu den ersten Mitarbeitern. Ab 1952 übernahm Wolf mit gerade 29 Jahren die Leitung. In dieser Phase entstand die erste Ausbildungsschule für künftige Agenten (MfS.-Sprachgebrauch: „Kundschafter des Friedens“) in Bad Belzig.

Nach der Eingliederung in das MfS. 1953 wurde der Auslandsnachrichtendienst 1956 in „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HV A) umbenannt. Chef blieb bis 1986 Markus Wolf.

Die Ausbildungsstätten für künftige Agenten im „Operationsgebiet“ (im MfS.-Jargon der Westen) wurden schrittweise erweitert. So wurde die HV A-Schule ab 1965 sukzessive in die neu gegründete Juristische Hochschule des MfS. (Golm bei Potsdam) einbezogen. In Dammsmühle (nördlich Berlin) war die HV A-Fremdsprachenschule heimisch.

Einer von zwei Hauptfluren im Bunker Gosen.

Mit Baubeginn 1981 wurde schließlich unter der Tarnbezeichnung „Politisch-Ideologisches Institut" eine zentrale HV A-Ausbildungsschule in Gosen errichtet, deren letzter Teilbereich erst im Sommer 1988 (und damit rund ein Jahr vor der Wende) fertiggestellt wurde. Die feierliche Übergabe fand am 21. Juli 1988 statt.

Als Versorgungsstützpunkt für den DDR-Ministerrat legendiert, zählten auch mehrere Bunkeranlagen zum Projekt. In einem natürlichen Erdkessel unweit des Seddinsees wurde am 10. Mai 1984 "K81/1" als geschützte „HV A-Ausweichführungsstelle“ an Hausherrn Markus Wolf übergeben.

Nach dem Ende der DDR stand die gesamte Liegenschaft zum Verkauf und wurde später von der „Paasche AG“ erworben. Nach umfangreichen Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen werden die Immobilien heute als Wohn- und Gewerbepark betrieben.

Den Bunker verschonten die geschichtlichen Ereignisse ab 1990 leider nicht. Wie anderswo in Ost und West übte er eine unheilvolle Anziehungskraft auf Abenteurer oder Schrottsammler aus, die wenig sensibel mit diesem historisch-politischen Zeitzeugnis umgingen.

Das Bett im Zimmer von Markus Wolf ist nach der Einrichtung 1984 noch immer an seinem Platz.Für die „Bunker-Dokumentationsstätten“ ist der Gosener Schutzbau für die fundierte Aufarbeitung und Vermittlung deutsch-deutscher (Spionage)Geschichte einer der wichtigsten Orte im wiedervereinten Deutschland und informiert am „Originalschauplatz Bunker“ darüber, was die DDR-Agenten in Tausenden Aktenseiten und Fotografien über Regierungsbunker im Westen zusammengetragen haben.

Arbeitsweise, Auswertung, Zielsetzungen, Namen und Fakten gehen aus diesen Dokumenten hervor, die seit 1998 systematisch durch die „Bunker-Dokumentationsstätten“ zusammengetragen und analysiert werden.

Grundlage bilden größtenteils Originalakten aus dem Bestand des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des MfS.“ (BStU.; Berlin), aber auch Dokumente aus dem Bundesarchiv (Koblenz/Freiburg), dem Institut für Zeitgeschichte (München) und des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Für diesen umfangreichen und für den „Fachbereich Bunker“ einmaligen Bearbeitungsvorgang konnten auch ehemalige Mitarbeiter der DDR-Auslandsdienste gewonnen werden: Dieter Popp schöpfte über Jahrzehnte hochsensible Informationen aus dem Bundesverteidigungsministerium ab, die Inhalte der NATO-Übungen im Ahrweiler Regierungsbunker beschreiben.

Die Elite des ehemaligen DDR-Spionagedienstes im westdeutschen Regierungsbunker (2009): Gabriele Gast (von rechts) und Gotthold Schramm.Die dortige Dokumentationsstätte besuchten ab der Eröffnung 2008 unter anderem Gabriele Gast (spionierte unter direkter Anleitung von Markus Wolf den BND aus), Gotthold Schramm (MfS., Leiter Abteilung A XVIII „Infrastrukturaufklärung“; u.a. Regierungsbunker Bund und Länder) oder auch die Kundschafter Heinz Werner, Ulrich Steinmann und Dieter Popp. Markus Wolf selbst äußerte sich kurz vor seinem Tod zum westdeutschen Regierungsbunker, den er als einen der wichtigsten Orte ostdeutscher Aufklärungsarbeit auf dem Gebiet der Bundesrepublik beschrieb.

Damit ist der Regierungsbunker inzwischen selbst ein Ort des Dialogs und der geschichtlichen Aufarbeitung. Eines der denkwürdigsten Treffen fand dort 2013 statt: Hans Walter und Wolfgang Schubert als ingenieurtechnische Planer der beiden deutschen Regierungsbunker sprachen über ihre Aufträge wie auch die berufliche und private Vergangenheit, die stark geprägt war von den Vorgaben des Kalten Krieges.

Vor diesem Hintergrund sind auch die museumspädagogischen Inhalte für die Sonderausstellung in Gosen aufgebaut: Es geht um eine sachliche, an Fakten orientierte Vermittlung von Geschichte. Spionage wie auch Spionageabwehr zählte in den Jahren der deutschen Teilung auf beiden Seiten dazu.

Für den Fachbereich "Bunker-Technik" konnten für Sonderführungen Experten gewonnen werden, deren ehemalige Arbeitsplätze DDR-Schutzbauten waren. Sie erklären die eingebaute Bunker-Technik und ihre Wirkungsweise aus eigenen Erfahrungen und gehen auch auf andere Bunkerbauten der Staatsführung ein.

Diese Führungen sind im Anmeldeverfahren (Ampelsystem unter "Anmeldung") mit "Tech" gekennzeichnet.

Alle anderen Führungen widmen sich dem Schwerpunkt "deutsch-deutsche Bunkerspionage"

weiter zum Anmeldesystem hier: www.bunker-gosen.de